Es erübrigen noch einige Bemerkungen über die Schreibart Molitors im Sinne musikalischer Orthographie. Die Notation ist die für die Gitarre noch heute übliche auf einem Fünfliniensysteme mit dem G-Schlüssel auf der zweiten Linie (Violinschlüssel). Wie schon aus der Stimmung des Instrumentes E A d g h e1 zu entnehmen ist, werden die Töne eine Oktave höher notiert als sie klingen.
"Demnach" - schreibt Molitor in seiner Einleitung zu op. 7 - "ist es klar, daß die Guitarre noch nicht einmal den Schlüssel vindiziert hat, der ihr zukommt, welcher nach genauer Erwägung kein anderer seyn sollte, als der Tenorschlüssel. Doch wie wird sich die Guitarre darüber beklagen dürfen, da der Violinschlüssel in der neueren Instrumentalmusik, ja nun sogar auch schon im Gesang, alle anderen Schlüssel nach und nach zu verdrängen scheint. So wird ja auch in Solosätzen für das Violoncell der Violinschlüssel durchaus ebenso unrichtig angewendet."
Daß Molitor trotz dieser Polemik doch den Violinschlüssel und nur ein Liniensystem statt des an gleicher Stelle empfohlenen Zweiliniensystemes mit Tenor- und Baßschlüssel verwendet, hat seinen Grund darin, daß sich der Komponist mit seinen Arbeiten zum Großteil an Dilettanten wenden mußte, denen der Violinschlüssel am geläufigsten war. Ähnliche Rücksichten hat auch der moderne Gitarrekomponist zu üben.
Molitor brach auch mit der Gepflogenheit, alle Noten eines Akkordes trotz etwaiger Ungleichheit ihrer Werte mit gleichen Notenwerten auszuschreiben, so daß sich viele Akkorde in Komplexe mehrerer Stimmen auflösen. Seine Schreibweise mit den für auszuhaltende Fingersätze gedehnten Notenwerten, welche Stimmführung und Spieltechnik in gleicher Weise berücksichtigen, steht zur früher üblichen Orthographie im gleichen Verhältnisse wie die bearbeitete (logische) Übertragung einer Gitarretabulatur in die moderne Notenschrift zur ersten (philologischen) Übertragung. Molitor glaubte, die von ihm gewählte Schreibweise [1] verteidigen zu müssen; er sagt hierüber:
"Zur Rechtfertigung der von mir angenommenen Schreibart (im engeren Sinne des Wortes Orthographie)... glaube ich behaupten zu dürfen, daß nur diese Schreibart die Akkorde und das Maas der Klänge für den Spieler sowohl als für den bloßen Musikkenner richtig darstellt; da hingegen die gewöhnliche Schreibart nicht vielmehr als den bloßen mechanischen Fingersatz ausdrückt, und ein musikalisches Auge - ungefähr ebenso, wie eine von orthographischen Fehlern wimmelnde Schrift das Auge des Sprachkenners - beleidigen, von dem Instrumente aber, dem sie eigen ist, eine eben nicht vortheilhafte Meinung erwecken muß."
Von Schreibeigentümlichkeiten Molitors sei die Art der
Augmentationspunkte erwähnt. Sie stehen teils unmittelbar nach der
zugehörigen Note, meistens aber getrennt von dieser an der Stelle der
Note, welche sie vertreten, auffallender Weise auch dann, wenn von der
punktierten Note ein Bindebogen ausgeht:
[2]
Von Abbreviaturen gebraucht Molitor den Querstrich durch den Hals einer Note
für die wiederholende Zerlegung in kleinere Notenwerte:
;
zur Verdeutlichung stehen wohl auch Sonderungszeichen über dem Kopf der
Note
und zwar ohne Bogen.
Enge geschriebene Sonderungszeichen mit einem Bogen darüber
gelten als
Bebungszeichen, [3]
werden indes von Molitor nicht verwendet. Anzumerken wäre noch eine Art
von Kustos, der sich am Schlusse einer Notenzeile in üblicher
Schreibart und mit einem vorgezeichneten # als Hinweis auf ein
nachfolgendes ais findet. Die Generalpause bezeichnet Molitor durch
Fermaten über und unter Pausenzeichen verschiedenen Wertes, z. B.
.
Die Verwendungsart von Phrasierungsbogen wurde bereits eingehend bei der Bindungstechnik besprochen. Molitor gebraucht den Bindebogen fast ausschließlich zur Bezeichnung der Instrumentaltechnik, für Phrasierungszwecke selten und nur dann, wenn die Ausdeutung keine Zweifel aufkommen läßt.
Schließlich noch eine kurze Bemerkung über die Vortragsbezeichnungen bei Molitor. Während dieser für die Spieltechnik weitgehende Anleitungen gibt, fehlen bis auf die gangbarsten dynamischen und Tempo-Zeichen sonstige Anweisungen für den Vortrag; [4] er überläßt den Vortrag dem Geschmacke des Spielers, [5] sucht ihn aber in der Vorrede zu op. 7, welche einen kleinen Abschnitt dem "Vortrag im Guitarrespiele" widmet, auf den richtigen Weg zu leiten. Es heißt dort unter anderem:
"Wer überhaupt auf Geschmack im Vortrage einigen Anspruch machen will, muß den Karakter eines jeden Musikstückes genau kennen, und zu beurtheilen fähig seyn, um ihm die gehörige Farbe geben zu können. Zu diesem Ziele gelangt man nur durch reelle Musikkenntniß, durch vieles Hören besserer Musik, richtige Zergliederung ihrer Karakterzüge und durch reines Gefühl für fließenden Gesang. Hier hilft all das ängstliche Jagen nach Schwierigkeiten nichts, es bleibt, wo der Geschmack fehlt, bloß kalte, mechanische Arbeit ohne Herz und Kopf."
Die instrumentale Untersuchung der Werke Molitors zeigt deutlich, daß es dem Komponisten darum zu tun war, Systematik und Gründlichkeit in die Spielweise zu bringen. Wie in musikalischer Hinsicht Molitor die Gitarre vom untergeordneten Begleitinstrument zum selbständigen, melodie- und harmonieführenden Soloinstrument hebt, so läßt sich auch in der künstlerischen Behandlung der Gitarre eine aufsteigende Linie feststellen, als deren Ausgangspunkt die schon vor 1800 im Vereine mit W. Klingenbrunner abgefaßte Gitarreschule angenommen werden darf.
Es wäre zweifellos eine instrumentaltechnisch lohnende Vergleichsarbeit, im Falle der Auffindung dieser Gitarreschule zu untersuchen, in welchem Grade sich der Fortschritt der Spieltechnik Molitors in den späteren Werken geltend macht. Man wird nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß die Gitarrekompositionen Molitors in technischer Hinsicht eine Erläuterung und Weiterentwicklung seines didaktischen Erstlingswerkes darstellen, statt in rein lehrhafter Form geboten, eben in musikalische Formen gekleidet. Daß auch Molitors erreichte Instrumentaltechnik noch weiter bildungsfähig war, zeigte der Hinweis auf die Errungenschaften der nach Molitor einsetzenden Virtuosenzeit.
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[1] Auch Matiegka macht sich diese Schreibweise zu eigen, während de Call beispielsweise noch ganz auf dem Standpunkte der älteren Orthographie steht.
[2]
Matiegka ersetzt sogar im Falle einer Bindung
über den Taktstrich die angebundene kürzere Note durch den
Augmentationspunkt unter Anwendung des Bindebogens:
statt
[3] Bereits bei Bathioli vorfindig.
[4]
Auch das Zeichen
für das "dolce-Spiel" ist als ein spieltechnisches
aufzufassen. Die Anweisung Molitors hierfür lautet: "Soweit dieses
Zeichen reicht, wird mit der rechten Hand über der Schallöffnung
gespielt."
[5] Im Gegensatz zu neudeutschen Gitarristen, die in überschwenglicher Weise sich der Wortbezeichnungen für die Vortragsweise auch bei recht harmlosen Kompositionen bedienen.