Titel | Inhalt | zurück | weiter

Giulio Regondi.

Einer ganz außergewöhnlichen Erscheinung des ausklingenden gitarristischen Virtuosentums sei noch gedacht: Giulio Regondis. Nach Grove in Genua 1822 geboren, von unbekannter Herkunft, [1] produzierte sich Regondi frühzeitig als Wunderkind auf der Gitarre in Mailand, spielte, noch nicht 9 Jahre alt, an allen Höfen Europas - Madrid ausgenommen. - 1831 kam Regondi nach England und verließ nur für zwei Konzerttournéen das vereinigte Königreich: Die erste Reise unternahm er 1841 mit dem Violoncellisten Lidel, die zweite mit Madame Dulcken und setzte durch seine Meisterschaft auf der Gitarre und dem Melophon [2] die deutsche Kritik in Erstaunen und Bewunderung. 1872 soll er in England gestorben sein. Von seinen Kompositionen sind hauptsächlich zwei Konzerte für das Melophon bekannt geworden, das von Ch. Wheatstone 1829 patentiert und durch Regondi in den Konzertbetrieb eingeführt wurde.

Seine erste Kunstreise führte ihn 1841 auch nach Wien, wo er, damals achtzehnjährig, sechs Konzerte gab; die Kritik schreibt hierüber: "R. spielt Guitarre und Melophon in denkbar vollendetster Meisterschaft, und singt auf letzterem Instrumente mit einer wahrhaft bezaubernden Lieblichkeit und unbeschreiblicher Zartheit... Die vorgetragenen Solosätze waren auf der Guitarre: Souvenir de Gubellins nach Thalberg, und die Ouverture der Semiramide, vollgriffig, wie vom ganzen Orchester ertönend" (Leipz. allg. mus. Ztg., XLIII., pag. 218). Über weitere Konzerte referiert der gleiche Bd. der mus. Ztg.: pag. 276 (Prag), pag. 317 u. 333 (Leipzig), pag. 384 (Prag), pag. 426 (Leipzig) und XLVIII. Bd., pag. 853 (Dresden); ferner der allg. mus. Anz., Bd. II, pag. 80 (Paris, R. "sieben Jahre alt"), Bd. III, pag. 176 (London, R. achtjährig).


Von Wiener Gitarristen, die sich öffentlich, zumeist als Sänger zur Gitarre betätigten, wären noch einzufügen: Fischer (1808), Firtsch, Siebert (1817), Rectorschek (1819), Jäger (1819, 1825, 1826) und Nemetz 1823; der Posaunist Seegner tat sich als braver Gitarrespieler in den Jahren 1830-1834 hervor, hingegen gelangten Krickel, der 1817 "seine Zuhörer aufs grausamste folterte" und Beilner, der 1827 mit durch Bleche (!) verlängerten Anschlagfingern "sich zu produzieren wagte", zu trauriger Berühmtheit. - In den sechziger Jahren trat die Gitarre als konzertierendes Instrument ganz ab und machte der vervollkommneten bayrischen Zither Platz.

Bemerkt sei noch, daß die gegenwärtigen Renaissancebestrebungen zugunsten der Gitarre [3] im Übereifer und um für das vergessene Instrument eine vornehme Patronanz nachzuweisen, auch Kiesewetter, Hummel, Spohr, Weber, Mayseder, Moscheles und Schubert als "Gitarristen" reklamieren; besonders hat der moderne Überkult Schuberts diesen zum Gitarre-Virtuosen und -Komponisten par excellence gestempelt. Es darf natürlich daraus allein, daß die Genannten die zur Zeit überall Mode gewesene Gitarre spielten und nebenbei für dieselbe vielleicht schrieben, noch kein für die Gitarristik bedeutsames Wirken gefolgert werden. Wie die vorliegende Arbeit zeigt, hatte die Gitarre zu ihrer Zeit auch ihre würdigen und berufenen Vertreter.

[weiter]


[1] Der allg. mus. Anzeiger gibt als Geburtsort R.s Lyon an und setzt hinzu, daß sein Vater Italiener, seine Mutter Deutsche gewesen sei.

[2] Melophon (Concertina), eine veredelte Handharmonika mit 4 1/2 Oktaven Umfang; ihr Ton hatte das Klangkolorit einer Klarinette.

[3] Auch das suggestiver wirkende Wort "Laute" wird gegenwärtig irreführend zur Bezeichnung von Gitarreinstrumenten gebraucht.


Titel | Inhalt | zurück | weiter