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2. Rechte Hand.

a) Fingersatz.

Die rechte Hand besorgt den Anschlag; und zwar werden im allgemeinen der Daumen und die ersten drei Finger, in später zu erörternden Fällen auch der kleine Finger verwendet. Dem Daumen fällt hauptsächlich der Anschlag der Baßsaiten, dem Zeige-, Mittel- und Ringfinger der auf den drei Melodiesaiten zu. Stellen, wo von dieser Schlagweise abgewichen wird, sind bei Molitor besonders bezeichnet oder erläutert. Festzustellen ist, daß der Wechselschlag (siehe später) bereits zur Anwendung gelangt.

Für den Fingersatz der rechten Hand ist eine besondere Bezeichnung nicht vorgesehen. Wenn eine solche aber nicht zu umgehen ist, verlangt Molitor den Daumen mit 0, die Anschlagfinger mit den arabischen Ziffern 1-4 und verweist durch Fußnoten oder Vermerke, daß die Ziffern für den Fingersatz der rechten Hand Geltung haben.

Eine öftere Bezeichnung der Anschlagfinger mit Ziffern war schon deshalb zu vermeiden, weil diese zu mißverständlicher Ausdeutung mit Rücksicht auf die gleiche Bezeichnungsart der linken Hand geführt hätten. Die spätere Fingersatzbezeichnung für die Anschlaghand mit ein bis drei Punkten, wie sie in der Lautenmusik schon üblich war, und wie sie Bathioli in seiner am Wiener Platze gut eingeführten Gitarreschule [1] angibt, verwendet Molitor nirgends, ebensowenig die übrigen Gitarristen vor Giuliani.

Der kleine rechte Finger, der nach Molitors Anweisung beim Spiele leicht auf der Decke des Instrumentes nahe der e-Saite aufzusetzen ist, wird in fünfstimmigen Akkorden hie und da zum Anschlage mit herangezogen. In op. 7 ist zu einem derartigen Akkord folgender Vermerk gesetzt:

"Wenn fünf Noten unter verschiedener Bewegung zugleich zusammentreffen, die nicht mit dem Daumen ausgestreift werden können, so kann man von der Regel, den kleinen Finger der rechten Hand nahe am Saitenbunde fest anzusetzen, abgehen und den Akkord, um ihn mit mehr Präzision hervorzubringen mit Hülfe des kleinen Fingers, nemlich mit allen fünf Fingern zugleich anschlagen. 

Allerdings kann für diese Stelle insonderheit ein Grund nicht ersehen werden, welcher die Verwendung des kleinen Fingers für den Anschlag rechtfertigen könnte. In dem bezüglichen Akkorde,

[Gegenbeispiel aus op. 7]

welcher durch den terminus Bund und durch die Fingersatzbezeichnung das Überlegen des Zeigefingers über die fünf Saiten ohne die tiefste Saite fordert, also letztere vom Anschlage ausschließt, ist die nächstliegende Anschlagart der Daumenstrich. Die Stelle in der Anmerkung: " fünf Noten..., die nicht mit dem Daumen ausgestreift werden können", bezöge sich nur auf den einzige Fall, wo die fünf Noten eines Akkordes auf allen Saiten außer der zweiten, der A-Saite anzuspielen wären. In diesem Falle hätte der Daumen die tiefste Saite E, die vier anderen Finger die d-, g-, h- und e-Saite zu schlagen.

b) Ausstreifung und Brechung.

Die in obiger Anmerkung verlangte Ausstreifung mit dem Daumen ist eine Ausführungsart für die auf der Gitarre so beliebte harfenartige Brechung der Akkorde; eine zweite Spielmanier mit ähnlichem Effekte ist das Arpeggieren, das mit sämtlichen Anschlagfingern einschließlich des Daumens vollzogen wird. [2] In der Bezeichnungsart ist bei Molitor im Verlaufe seiner Werke ein Schwanken festzustellen. Op. 7 verlangt die Ausstreifung mit einem kleinen schrägen Querstrich (/), der durch den Akkord gezogen ist; dies ist durch eine Anmerkung klargestellt: "Die mit einem Querstrich bezeichneten Akkorde werden mit dem Daumen ausgestreift." Nichtsdestoweniger finden sich im gleichen Werke Stellen, die als typische Beispiele für die unrichtige Anwendung des Daumenstriches gelten können; so ist im Takt 27 des langsamen Satzes in folgendem Akkorde

[falscher Daumenstrich]

eine Ausstreifung ausgeschlossen, weil derselbe weitgriffig ist, d. h. weil die d-Saite überhaupt nicht angeschlagen werden darf. Im Finale des op. 7 findet sich das zweite Zeichen ([Arpeggio]) vor den Schlußakkorden und hierzu die Anweisung: "Mit allen 5 Fingern zugleich anzuschlagen." Dasselbe Signum kehrt in op. 11 wieder, wird aber in der "Erklärung der vorkommenden Spielzeichen" als "Ausstreifung aller auseinander stehender Noten" festgelegt. In op. 12 ist es, wie aus dem Faksimile der Handschrift zu ersehen, den Akkorden nachgesetzt. [3]

c) Doppelte Bindung.

Hierher ist auch eine Bindungsart zu zählen, die Molitor zum Unterschiede von der durch die Greifhand auszuführenden Legatotechnik mit einem zweifachen Rundbogen [4] bezeichnet und doppelte Bindung nennt. Für Noten, die auf nebeneinanderliegenden Saiten gebunden anzuspielen sind, wird in aufsteigendem Sinne die Ausstreifung mit dem Daumen gebraucht, absteigend wird einer der Spielfinger entgegengesetzt über die in Betracht kommenden Saiten gezogen. Ein Schulbeispiel mit den erforderlichen Erläuterungen gibt Molitor in op. 11 unter Erklärung der vorkommenden Spielzeichen; dort heißt es:

"[Doppelbindung] Die doppelte Bindung, dieses Zeichen deutet an: daß die zu bindenden Noten, da sie nicht auf einer und derselben Saite hervorgebracht werden können, entweder im Baß mit dem Daumen von unten hinauf oder auf den höheren Saiten mit dem Zeigefinger oder einem anderen Finger von oben herab ausgestreift werden."
[Doppelbindung aus op. 11]

d) Sonderung.

Den Gegensatz zur Bindungstechnik im allgemeinen bilden die Sonderungszeichen: Punkte oder kleine senkrechte Striche über oder unter den Notenköpfen. Molitor scheidet, wie die damalige Spielweise überhaupt, die gewöhnliche Sonderung (pizzicato) von der scharfen Sonderung, dem Secco-Anschlage (staccato). Die gewöhnliche Sonderung verweist auf den Einzelanschlag im Gegensatz zur Bindung,

[Pizzicato]

steht also über einer Note oder über zwei gleichzeitig anzuspielenden Noten, die scharfe Sonderung wird durch einen Rundbogen über den Stakkatizeichen verlangt [5] und findet sich über einzelnen Noten wie über Akkorden; sie bedingt nach dem scharfen Anschlage ein kurzes Abdämpfen.

[Staccato]

e) Dämpfung.

Wie die Dämpfung zu bewerkstelligen ist, erörtert Molitor in op. 11 bei der Erklärung der vorkommenden Spielzeichen:

"Der Nachklang der Töne kann bey der Guitarre auf zweyerley Arten gehemmt werden, entweder durch die flache Hand, wenn der Akkord ausgestreift worden, oder durch die nemlichen Finger, welche die zu dämpfenden Noten angespielt haben."

Die scharfe Sonderung verlangt die Abdämpfung ohne eine bezügliche Bezeichnung; sonst ist jene entweder aus nachfolgenden Pausen zu entnehmen, oder es ist, wie in op. 11, noch ein besonders von Molitor angenommenes Zeichen ([Däpfung]) eingeführt, ohne daß die übliche Schreibweise der nachfolgenden Pausen beeinträchtigt wird.

[Dämfung aus op. 11]

f) Wechselschlag.

Neben der Erzielung einer vollen, abgerundeten Tonerzeugung fällt der Anschlaghand noch eine wichtige technische Aufgabe zu: Die Wahl der Anschlagfinger bei melodischen Figuren, Gängen und Passagen. Um einerseits eine flüssige Tonverbindung herzustellen, andrerseits einzelne Finger durch wiederholte Anschläge nacheinander nicht zu ermüden, werden die Anschlagfinger möglichst gewechselt. Grundsätzlich kommen für die tieferen Saiten Daumen und Zeigefinger, für die höheren Zeige- und Mittelfinger, gelegentlich auch der Ringfinger zur Schlagverwendung. Diese gegenwärtig ebenso wie schon in der Giulianischen Zeit gangbare Technik des Wechselschlages, welche in der großen Gitarreschule von Bathioli erschöpfend behandelt ist, erscheint bei Molitor arg vernachlässigt, was um so bemerkenswerter ist, als sonst technische Besonderheiten in seinen Werken erörtert oder genau bezeichnet werden. Auch das einzige Beispiel, an welchem Molitor den Wechselschlag erläutert:

[Beispiel Wechselschlag, op. 11]

(op. 11, Scherzando, Takt 116) ist spieltechnisch beachtenswert.

Die Anschlagfinger sind an dieser Stelle mit arabischen Ziffern bezeichnet, welche sonst der Fingersatzbezeichnung der linken Hand vorbehalten sind, wovon denn auch der darauffolgende Takt wieder Gebrauch macht. Es finden sich also tatsächlich zwei Takte nebeneinander, deren gleichartige Fingersatzbezeichnung einmal für die Anschlaghand, das anderemal für die Greifhand gilt. [6] Auch ist die Anweisung, den Wechselschlag mit Daumen und Zeigefinger über die Melodiesaiten hin auszuführen, nicht gitarristisch, sondern lautenistisch. Allerdings scheint die Bezeichnung der Anschlagfinger, wie schon bemerkt, vor Bathioli nicht üblich gewesen zu sein, [7] auch bei den zeitgenössischen Gitarristen vor Giuliani ist die Bezeichnungsart mit 1-4 Punkten nicht gebräuchlich. Daß Molitor auch mit der Technik des Wechselschlages vertraut gewesen sein muß, geht aus der Behandlung der Anschlaghand bei der Ausführung des Trillers (siehe später) hervor. Das Auffallende hierbei ist, wie gesagt, die überall mangelnde Bezeichnung des Wechselschlages.

Zusammenfassend sei gesagt, daß die Technik der rechten Hand bei Molitor wie überhaupt in der vorgiulianischen Zeit weniger Beachtung findet als jene der linken Hand. Insbesondere fällt dies bei Molitor, der sich in Spielbezeichnungen und Anweisungen für die Greifhand bis zur Pedanterie erschöpft, auf, und es kann vielleicht auch daraus der Beweis abgeleitet werden, daß sich die Spielweise der damals in Wien sehr verbreiteten, aber durchaus dilettantisch behandelten Gitarre im Entwicklungsstadium befand. Erst die voll- und weitgriffige Art der Behandlung des Instrumentes in der Virtuosenzeit brachte die vollkommene Ausbildung der Anschlaghand und damit die richtige Erkenntnis, daß die Technik der rechten Hand zumindest ebenso wichtig sei wie die der linken. [8]

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[1] "Gemeinnützige Guitarreschule oder gründlicher und vollständiger Unterricht in der Kunst, die Guitarre nach der neuesten Methode spielen zu erlernen; nebst einer kurzen Anleitung im Singen verfaßt von Franz Bathioli." (Wien, bei Diabelli & Co.).

[2] Eine in der neufranzösischen Lautenistik sehr häufig vorkommende, von den Deutschen als "gebrochene Spielmanier" angesprochene Anschlagsart.

[3] Zur Klarstellung dieser Zeichenverwendung sei Matiegka's Gepflogenheit herangezogen, der grundsätzlich den Querstrich für den harfenartigen Anschlag sämtlicher Finger, das Arpeggiozeichen für die Ausstreifung verwendet. Matiegka gebraucht schließlich eine dritte Variante der Schreibart: er drückt die Arpeggien durch Gruppen von Ziernoten mit und ohne Legatobogen aus; der nachfolgende arpeggierte Akkord trägt überdies den Durchstrich. Im Grunde genommen ist bei ausgeglichener Spielweise der Effekt der gleiche. Tatsächlich stellt die große Ausgabe der Bathiolischule unter § 97 das Brechungszeichen oder "Arpeggiatura" der Ausstreifung mit folgendem Beispiel völlig gleich.

oder: =
[Varianten]

Dieser Umstand läßt das bei Molitors Genauigkeit immerhin auffällige Schwanken erklärlicher erscheinen. Die moderne Technik schließt sich Matiegkas Bezeichnungsweise an, nennt aber fälschlich den Daumenstrich rasgado; natürlich hat die alte Spielmanier der Spanier, das Rasgadieren, das heißt, verschiedenartiges Überstreichen aller Saiten mit drei oder vier Fingern mit der Ausstreifung nichts gemein.

[4] Die bei keinem der damaligen Gitarristen gebräuchliche Bezeichnung des Doppelbogens ist auch in den handschriftlichen Arbeiten Molitors zu finden (z. B. op. 12, Menuetto Takt 54-57). Die moderne Technik verwendet auch für derartige Bindungen das Brechungszeichen im gleichen Sinne wie Matiegka es in folgendem Falle schreibt:

[Arpeggio nach Matiegka]

oder den Rundbogen, wie er bei Call verwendet ist, [Rundbogen nach Call]

[5] Zu unterscheiden von dem Bebungszeichen [Bebung]

[6] Möglicherweise ist auch weiter die Anschlaghand gemeint; zufällig ist der Fingersatz für beide Hände der gleiche.

[7] Daß aber tatsächlich die Wechselschlagtechnik gepflegt und dem Lernenden jedenfalls durch das lebendige Beispiel vermittelt wurde, beweisen Anmerkungen wie "sempre col due ditti pizzicato" (Matiegka, op. 20, 1. Heft, Variation 4 zum 1. Thema). Eine Angabe bei dem gleichen Komponisten: "col tre ditti, col due ditti" läuft durch eine 20taktige Stelle und zeigt, daß die Technik dieser Zeit schon über den Zweifingerwechsel hinausgeht.

[8] Von dieser Auffassung zeugt eine didaktische Studie Giulianis, "studio per la chitarra", deren erster Abschnitt in 120 Beispielen nur an Brechungen des C-dur Tonika- und Hauptseptimenakkordes die mannigfaltigste Verwendung der Anschlagfinger erläutert.


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