Molitors Lebensdauer reicht weit in die dritte Epoche der Wiener Gitarristik hinein, seinem Wirken kommt indes hauptsächlich für die erste Periode besondere Bedeutung zu; mit dem Beginne der Virtuosenzeit tritt Molitor vom gitarristischen Schauplatze ab. Es sei deshalb ausführlicher noch jener drei Männer gedacht, die neben Molitor die Glanzzeit der Wiener Gitarristik vorbereiten halfen; ferner sollen in knapper Form alle jene behandelt werden, welche sich um die Gitarristik auf Wiener Boden überhaupt verdient gemacht haben.
Die nachfolgenden biographischen Skizzen der drei bedeutenderen vorgiulianischen Zeitgenossen Molitors erheben auf Vollständigkeit keinen Anspruch; doch können vielleicht spätere Behandlungen dieses Stoffes an den gepflogenen Forschungen anknüpfen. Vor allem handelte es sich um authentische Feststellung der Lebensdaten, welche in den Musiklexicis teilweise gar nicht verzeichnet sind, teilweise Unstimmigkeiten aufweisen.
Aus der großen Zahl der übrigen Gitarristen aller drei Gitarreepochen wurden nach der chronologisch bestimmbaren Folge ihrer Tätigkeit jene ausgewählt, die als Musiker oder treffliche Dilettanten anregend, schaffend oder ausübend wirkten. Nach der gründlichen Durcharbeitung aller einschlägigen periodischen und Einzel-Schriften darf diese Aufzählung als möglichst vollständig gelten.
Die spärlichen Nachrichten, welche Wurzbach im 17. Bande, Seite 105, seines biographischen Lexikons über Wenzel Matiegka bringt, sind dem Universallexikon von Gaßner entnommen. Dieser sei, bemerkt Wurzbach, der einzige, welcher Matiegkas gedenke. Gaßner hat indes seine Notizen über Matiegka nahezu wörtlich aus Schillings Enzyklopädie übertragen, der seinerseits wieder den Baron von Winzigerode als Gewährsmann anführt. Eitner zählt im Quellenlexikon die von der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und von der bischöflichen Privatbibliothek in Regensburg verwahrten Werke Matiegkas auf und fügt bei, daß über dessen Leben nichts bekannt sei. Bemerkenswert ist, daß Dlabacz im "allgemeinen Künstlerlexikon" den aus Böhmen gebürtigen Wenzel Matiegka unerwähnt läßt und blos von den beiden Hornvirtuosen: Joseph Matiegka, Vater und Sohn, [1] Notiz nimmt, welch letzterer ungefährer Altersgenosse des Gitarristen Matiegka war; ob ein Verwandtschaftsverhältnis zwischen den angeführten Trägern des gleichen Namens besteht, ließ sich aus den eingesehenen Familiendokumenten nicht feststellen.
Wenzeslaus Thomas Matiegka wurde im Juli 1773 zu Chotzen in Böhmen, im damaligen Hause Nr. 180 geboren. Der in Abschrift vorliegende, vom 6. Juli lautende Taufakt schreibt Mategka, das Wiener Totenprotokoll Matiegka. Die Verschiedenheit der Schreibweise des Namens erklärt sich wohl daraus, daß im Taufakte der Name in lateinischer Umgebung steht, daher unter Weglassung aller spezifisch tschechischen Schreibeigentümlichkeiten festgehalten ist, während das in Wien abgefaßte Totenprotokoll die phonetische Niederschrift enthält. [2] Der Komponist selbst bedient sich ausnahmslos der angeführten Wiener Schreibweise.
Schilling führt über Matiegkas Tätigkeit in Wien an, daß dieser Chorregent an der Hauptpfarrkirche zu St. Leopold [3] und zugleich an der Filialkirche zu St. Joseph [4] war. Der genannte Lexikograph berichtet weiter: Matiegka war ein fertiger Guitarrespieler, komponierte viel für dieses Instrument und erteilte Musikunterricht.
Im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde, Wien, ist eine von Wilhelm Klingenbrunner gefertigte handschriftliche Biographie Matiegkas verwahrt, die näheren Aufschluß über die jüngeren Jahre desselben gibt. Hiernach trat Matiegka 1788 als Sopranist in das Seminar zu Kremsier, besuchte später die Universität zu Prag und bildete sich unter dem Abbé Gelinek, dem damaligen Musiklehrer im gräflich Kinskyschen Hause. Graf Ferdinand Kinsky stellte später Matiegka als Rechtsaktuar auf seiner Herrschaft Chlumetz an. Der Hang zur Musik aber trieb diesen um 1800 nach Wien, wo er mittellos und ohne Empfehlung sich genötigt sah, Sollizitatorsdienste bei einem Advokaten zu verrichten. Doch schon um 1802 hatte er sich einen Namen als Musiklehrer erworben und galt als einer der vorzüglichsten Klaviermeister. Nun verlegte er sich mit Eifer auf das Gitarrespiel, um seine Lehrtätigkeit nach dieser Richtung zu erweitern. Im Jahre 1817 wurde er regens chori zu St. Leopold, [5] vier Jahre später auch in der St. Josephskirche in gleicher Funktion angestellt.
Daß Matiegka ein gesuchter Lehrer für Gitarre war - er nennt sich auf den Titelblättern seiner Gitarrekompositionen professeur, auch maître de guitare - und Anschluß an die gute Wiener Gesellschaft suchte, läßt sich aus den Widmungen seiner Kompositionen entnehmen. Es finden sich darunter Namen von Rang und Stand, wie P. S. Kautnik, Professor an der k. k. Theres.-Ritteracademie, Magistratrat Franz Huber, Banquier J. G. Sartorio, Joseph Edler von Baumeister, R. G. Kiesewetter, damaliger Kriegsrat [6] u. a.
Seine Wohnung in der Leopoldstadt ist auf einzelnen seiner Kompositionen, welche "mit Kösten des Tonsetzers gedruckt" wurden, mit Sperlgasse Nr. 196 angegeben. Das Totenprotokoll bezeichnet als Wohnung Leopoldstadt Nr. 234. Das Haus stand, wie aus dem Verlassenschaftsakte zu entnehmen ist, in der Herrengasse. [7]
Matiegka war verheiratet; er erreichte ein Alter von 58 Jahren und starb am 19. Januar 1830 an Lungenschwindsucht. Nebst seiner Witwe Theresia hinterließ er zwei erwachsene Kinder "Anna Seidl, Organistensehegattin in der rothen Sterngasse im Müllner-Klagerischen Haus und Franz, k. k. Polizeypraktikant im Sterbort", weiters vier minderjährige: Karoline, Aloysia, Amalia und Wilhelmine.
Der Verlassenschaftsakt gewährt Einblick in die armseligen Verhältnisse, aus denen Matiegka schied. Der ganze Nachlaß wurde samt und sonders, Hausgerät und Kleider einbezogen, auf 24 fl. geschätzt, der Witwe, welche laut beigebrachter Quittungen für Krankheits- und Leichenkosten 37 Fl. 54 kr. bestritten hatte, mit Einwilligung der beiden großjährigen Kinder zugeschlagen und "die Sperr am 23. Jänner unentgeldlich eröffnet".
Es darf immerhin als auffallend bezeichnet werden, daß Matiegka, welcher als Chorregent mit ständigen Bezügen bedacht war, aus seiner Unterrichts- und Kompositionstätigkeit Ertrag schöpfte, es auch nicht zu einem bescheidenen Wohlstande gebracht hat. Ob Verlagspekulationen, Unglück in seiner zahlreichen Familie oder vielleicht gar sein Lebenswandel Schuld an dieser Dürftigkeit trugen, mag dahingestellt bleiben
Als Komponist war Matiegka recht fruchtbar. Neben Meßkompositionen schrieb er an 30 Werke für Gitarre allein oder in Verbindung mit Blasinstrumenten (Klarinette und Horn) oder Streichinstrumenten (Violine und Viola). Seine zyklischen Kompositionen (Sonaten und Serenaden) stehen musikalisch und formell denen Molitors wenig nach, seine Variationszyklen verfallen in Hinisicht der Themenwahl oft ins Geschmacklose. [8]
[1] Joseph Matiegka Sohn ist 1767 zu Prag geboren, war bereits vor 1790 in Wien tätig; zuletzt als Waldhornist am k. k. Nationaltheater angestellt. Er starb schon 1793 zu Mailand.
[2]
Eine dritte der modernen tschechischen
Orthographie entsprechende Schreibart:
Mat
gka
gebraucht
S. Hochwürden Herr Dechant Komárek, dem die
bezüglichen Matrikenauszüge zu verdanken sind.
[3] In den kirchlichen Aufzeichnungen des Pfarramtes zu St. Leopold, deren Durchsicht in entgegenkommender Weise gestattet wurde, fand sich nur eine auf Matiegka bezughabende Notiz im Manuale, tom. II., anläßlich der Säkularfeier der Erweiterung der Kirche zu ihrer heutigen Größe und Gestalt, vom 13. bis 21. November 1824: " Die Orgel wurde vor dieser Feyerlichkeit ganz zerlegt und ausgeputzt, dafür dem orgelmacher 75 FL. 78 kr. und von damaligen regens chori Matiegka für den während der Jubiläumsfeyer abgehaltenen musikalischen Gottesdienste der von dem löblichen Magistrate bewilligten (sic!) Betrag von 200 Fl. C. M. aus der Kasse ausbezahlt."
[4] Laut Mitteilung der Pfarre zu St. Joseph ist Matiegka in den dortigen kirchlichen Aufzeichnungen nicht erwähnt.
[5] Die Wiener mus. Ztg., I. Jahrg. (1817) Seite 252, bespricht lobend eine Messkomposition Matiegkas und fügt hinzu, daß er, "wie Ref. erfahren hat, mit dieser Messe eine Amtshandlung als Chordirektor in der Pfarrkirche St. Leopold in der Leopoldstadt eröffnete.
[6] Die Tatsachen, daß Matiegka Kiesewetter eine Komposition widmete, Tandlers Tod gleich wie Molitor mit einem Trauermarsch ehrte, und daß Klingenbrunner Matiegkas Biographie schrieb, lassen vermuten, daß dieser dem engeren Gesellschaftskreise Molitors angehörte, oder ihn wenigstens anstrebte.
[7] Sperlgasse Nr. 196 ist im Wiener Stadturbar nicht verzeichnet; zweifellos ist das Haus Nr. 196 der Herrengasse, das spätere Haus Nr. 234 in der Leopoldstadt gemeint, was auch mit der in der Sperrs-Relation benannten Wohnung "Nr. 234 in der Herrengasse" übereinstimmt.
[8] Die Ursache hiervon ist bei dem sonst ganz originellen Tonsetzer in manchen Fällen unschwer einzusehen, wenn man die jeweiligen spekulativen Widmungen in Erwägung zieht: So ist einer dem geistlichen Stande angehörigen Persönlichkeit ein Meßlied mit Variationen auf der Sologitarre (!), einem Vertreter der Behörde die Kaiser-Hymne, gleichfalls für die Sologitarre variiert, gewidmet.