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B. Instrumentaltechnik.

1. Linke Hand.

Der didaktische Zug, welcher Molitors sämtlichen Arbeiten für die Gitarre eigen ist, findet sich in der technischen Behandlung des Instrumentes und der scholastischen Art, jene zu erläutern, besonders ausgeprägt. Die damalig üblichen Spielzeichen genügen seinem Lehrbedürfnisse nicht; er ersinnt neue und schickt eine Erklärung derselben der Komposition voraus (op. 11), oder er erörtert die beabsichtigten Ausführungsarten durch zahlreiche Fußnoten (op. 7), schreibt auch wohl über einzelne Takte eine ad libitum-Ausführung in Noten (op. 7). Immerhin muß gesagt werden, daß die Verwendung der Spielbezeichnungen über ein rationelles Maß nicht hinausgeht und überflüssige Anweisungen für Technik und Vortrag durchaus gemieden sind.

Das in Verwendung stehende, als französische Gitarre bezeichnete Instrument ist die einfach bezogene, sechssaitige Gitarre der Stimmung E A d g h e1, völlig identisch mit der gegenwärtig gebräuchlichen.

Von den chromatisch angeordneten Griffeldern, deren Diabelli in seiner "scala per chitarra" [1] 22 beansprucht - man benützt heute selten mehr als 17 - werden in der Regel nur die ersten 12 verwendet, was einem Tonumfange von E-e2 der natürlichen Tonhöhe, beziehungsweise in der von Molitor übernommenen, noch heute üblichen Notationsweise auf einem Liniensysteme mit dem G-Schlüssel auf der zweiten Linie in der nächsthöheren Oktave dem Umfange entspricht:

[Tonumfang]

a) Fingersatz.

Die linke Hand, Greifhand, besorgt die Ausführung der Griffe auf den sechs Griffbrettsaiten und zwar mit allen Fingern einschließlich des Daumens. [2] Die eigentlichen Greiffinger werden in der Reihenfolge vom Zeige- zum Kleinfinger mit den arabischen Ziffern 1-4 belegt, der Fingersatz gewöhnlich über die Noten geschrieben. Wie aus den Reproduktionen der Handschriftproben Molitors [3] (aus op. 12 und op. 15) zu entnehmen ist, hält sich der Autor stets an diese Gepflogenheit. In den gedruckten Werken hingegen ist die Fingersatzbezeichnung der Note beigesetzt, wo es gerade das Raumverhältnis am besten zuläßt; die Ziffern stehen über, unter oder neben den Noten.

Die Fingersatzbezeichnung findet sich in der Regel als Hinweis auf Spielerleichterung oder für besondere Ausführungsmöglichkeiten (Quergriffe, Lagenwechsel). Die leere Saite ist, wie allgemein üblich, mit 0 bezeichnet; den Daumen der linken Hand verlangt Molitor durch ein der Baßnote beigefügtes "Daum." (Daumen), verwendet diesen aber nur auf der tiefsten Saite. Bezüglich seines Gebrauches findet sich in op. 11, 1. Satz, Takt 45-49 gelegentlich eines Orgelpunktes über G folgende Anmerkung:

"NB.  Das tiefe G wird entweder mit dem Zeigefinger oder mit dem Daumen der linken Hand genommen; besser ist es aber, den Zeigefinger zu verwenden und den Daumen so wenig als möglich zu gebrauchen, weil dadurch die Hand aus ihrer Lage kommt, und durch die Verwechslung in Haltung des Instrumentes die Fertigkeit und Sicherheit im Spiele gehindert wird."

Ähnliche Anweisungen kommen auch anderorts vor, aber auch gegenteilige stoßen auf: Den Griff

[mit Daumen]

schreibt Molitor mit dem Daumen vor, obwohl die logische Fingersatzführung ohne Daumengriff

[mit Daumen]

augenfällig ist. Auch wird der Daumen schon bei Molitor zur Umgehung des großen Quergriffes - wie auch heute noch - herangezogen. Für einen solchen Fall ist in op. 7, 1. Satz, Takt 50 die zweifache Auslegung in Noten ausgeschrieben.

[Molitor, op. 7, 1. Satz, Takt 50]

Doch sei hierzu bemerkt, daß der vornehmeren Greifart, dem großen Quergriffe, der laufende Platz im Stücke eingeräumt ist, während der Daumengriff in kleiner gestochenen Noten, gleichsam als Notbehelf darüber gestellt ist. Daumengriffe sind auch in allen Werken der zeitgenössischen Wiener Schule häufig, [4] auch die Virtuosenzeit des Giuliani und dessen Epigonen können sie nicht gänzlich missen.

b) Grifflage.

Die gewöhnliche Grifflage, in welcher die Greiffinger nur auf dem ersten bis vierten Bunde verwendet werden, reicht natürlich für eine selbständige Behandlung des Instrumentes, wie sie Molitor durch seine Kompositionen anstrebt, nicht aus; vielmehr ist die oftmalige Veränderung der Grifflage nötig. Die Rückung der linken Hand aus der ersten Grifflage in eine höhere ist wie auch der Wechsel der Position in der Applikatur durch die Silbe "pos." (Position) mit vorgesetzter Ordnungszahl über den Noten angezeigt, wobei die Ziffer denjenigen Bund kennzeichnet, welchen der Zeigefinger jeweils einzunehmen hat. [5] Die Rückkehr zur normalen Grifflage verlangt meist die Vorschreibung "loco".

[Molitor, op. 11, Allegro, Takt 15f.]

Zuweilen ist die Ausführung einer Stelle in verschiedenen Grifflagen möglich, wie in op. 10, Takt 165-171, worauf eine Grifflagenbezeichnung über, eine unter den Noten den Spieler verweist. Überhaupt ist der Positionsvorschreibung mit Rücksicht auf die logische Fingersatzfortführung viel Sorgfalt geschenkt; wo Molitor in der Bezeichnung der Grifflagen sein Auslangen nicht mehr zu finden vermeint, nimmt er zur wörtlichen Ausdeutung Zuflucht. So findet sich in op. 7, Allegrosatz, Takt 65 zum Griff

[B-dur Griff...]

folgende Anmerkung:

"Bund mit dem 1. Finger in der 3. Position; sohin wird d b f mit diesem Finger, das tiefe b aber mit dem kleinen Finger auf der tiefen E-Saite genommen. Durch diese Position wird der darauffolgende Akkord vorbereitet."

Erläuternd sei hierzu bemerkt, daß dieser Akkord gewöhnlich mit dem Kleinfinger im Quergriffe, also in der 1. Position gespielt wird; die nachfolgenden Akkorde

[...weitere Griffe]

lassen indes die Anweisung Molitors für diese Stelle zweckmäßiger erscheinen. Gleich in den nächstfolgenden Takten erörtert eine weitere Fußnote die Erzielung eines glatten Lagenwechsels durch das Anspielen von leeren Saiten vor diesem.

Die angeführten Bezeichnungsarten der Grifflagen sind für die damalige Zeit nichts außergewöhnliches, wenngleich in den meisten Fällen der Fingersatz als solcher ohne beigesetzte Positionsziffer dem Spieler zur Grifflagenausdeutung genügt, und auch von den Zeitgenossen Molitors im allgemeinen als genügend erachtet wird. [6]

c) Quergriff.

Für das Überlegen eines Fingers über zwei oder mehrere Bünde, den Quer- oder Barrègriff, sehen Molitor und seine Zeitgenossen eigene Zeichen nicht vor. Wo der Quergriff unzweideutig verlangt wird, geschieht dies durch den Fingersatz

[Quergriffe]

oder durch den terminus Bund (die Übersetzung des Wortes Barrè, von la barre, der Bund), der neudeutschen Gitarristik in der Bedeutung von Quergriff nicht mehr geläufug.

[Bund]

Zur Verwendung gelangen bei Molitor kleine und große Quergriffe, im allgemeinen entsprechend der heutigen Spielweise. Mitunter wird der Barrègriff, wie schon gelegentlich der Fingersatzbezeichnung erwähnt, zugunsten des Daumengriffes fallen gelassen, oder es wird der gleiche Akkordgriff einmal mit Überlegen, ein andermal wieder ohne Barrè verlangt. [7] Von den Greiffingern wird am meisten der Zeigefinger wie bei der Laute zum Quergriffe herangezogen, dagegen scheint die Verwendung des kleinen Fingers, der heute neben dem Zeigefinger für den kleinen Barrègriff für die Gitarre am gangbarsten ist, in damaliger Zeit (vielleicht aus physiologischen Rücksichten) nicht beliebt gewesen zu sein, wenigstens sind weder bei Molitor noch bei seinen vorgiulianischen Zeitgenossen Belegbeispiele hierfür zu finden. Wo der bei Besprechung der Grifflage als Beispiel herangezogene B-dur-Akkord in der 1. Position verlangt wird, ist er mit folgendem Fingersatze versehen.

[B-dur ohne Barre]

Es wird hier also sogar einer Häufung der Greiffinger in einem Bunde auf drei nebeneinander liegenden Saiten der Vorzug gegeben, wo die gegenwärtige Technik den Kleinfinger zum Überlegen ohne weiteres benützt.

[B-dur mit Barre]

Hingegen stoßen bei Molitor Quergriffe auf, die, was wenigstens im folgenden Beispiele den Mittelfinger anlangt, der neuzeitigen Gitarristik nicht geläufig sind, oder wenigstens in dieser Form gemieden werden. [8]

[Mittelfinger-Barre]

Zusammenfassend sei die Fingersatzbezeichnung Molitors für die linke Hand dahin charakterisiert, daß sie, abgesehen von unwesentlichen Eigenheiten, welche jede gitarristische Epoche aufweist, bis heute mustergültig ist. Das liebevolle Eingehen Molitors auf alle technischen Einzelheiten des Spieles, sein genaues Durchdenken der Fingersatzführung darf als grundlegend für die Wiener Gitarristik überhaupt angenommen werden. Wenn die Zeit Giulianis weitere Eigentümlichkeiten in der Bezeichnung der Spielhand aufzuweisen hat, so darf eben nicht übersehen werden, daß es sich hier um Einschläge spezifisch italienischen Virtuosentums handelt, welches manche Bezeichnung als überflüssig erachtete, die Molitor mit seiner lehrhaften Tendenz für notwendig hielt, und daß andererseits die Virtuosenausbildung der Technik neue Fingersatzzeichen zuführen mußte. Ein Vergleich der Bezeichnungsart bei Gitarretabulaturen entfällt mit dem Hinweis darauf, daß die Tabulatur eben nichts anderes als eine Griffzeichenschrift darstellt.

d) Haltebogen.

Eine hervorragende Rolle für die spieltechnische Bezeichnungsweise der Gitarre kommt dem Rundbogen zu. Da mit Rücksicht auf die Klangeigentümlichkeit kurz verhallender Töne bei gerissenen Saiten Phrasierungsbögen im allgemeinen nicht häufig anzutreffen sind, den vorkommenden Bögen vielmehr größtenteils eine spieltechnische Bedeutung beizumessen ist, sind die eingezeichneten Bögen mit besonderer Vorsicht zu behandeln. Bei den beachtenswerten Komponisten der neudeutschen Gitarristik hat sich aus diesem Grunde die Gepflogenheit ausgebildet, für Phrasierungsangaben die eckige Klammer ( [Klammer] ) oder das Lesezeichen (//) zu gebrauchen, dem Rundbogen hingegen ausschließlich die Bindungstechnik vorzubehalten. Diese Art der Verwendung des Rundbogens ist auch bei Molitor und den meisten seiner Fachgenossen festzustellen, wenngleich andere, flüchtiger schreibende, unter ihnen de Call, eine reinliche Scheidung der Bogenverwendung nicht vornehmen.

Der Bogen ist in seiner spieltechnischen Funktion entweder Haltebogen oder Legatobogen.

Haltebögen verlangen das Fortklingen liegender Töne nach Maßgabe ihrer rhythmischen Klangdauer; entweder ist es eine leere Saite, die ausklingen soll, oder es ist ein gegriffener Ton, der das Liegenlassen des Greiffingers zur Tonverlängerung erheischt. Ein instruktives Beispiel hierfür findet sich im Präludium der letzten zyklischen Komposition Molitors.

[Molitor, op. 15, Preludio]

Hier reichen die Haltebögen zum Teile über den Taktstrich; die angebundene Note erhält keinen Anschlag. Die obigen drei Takte bedingen einen präzisen Fingersatz und aufmerksamen Anschlag, um die gehaltenen Töne nicht zu dämpfen. Mitunter ist die angebundene Note gar nicht ausgeschrieben, sondern im Sinne der zeitgemäßen Orthographie durch einen Augmentationspunkt ersetzt, wie im Baßtone folgender Figur aus op. 7.

[Molitor, op. 7]

Im gleichen Werke merkt Molitor an zwei Stellen an, "daß zusammengebundene Noten nur einmal angespielt werden" und setzt zur ersten Stelle noch folgende Anweisung hinzu:

"Man hindere die Schwingung der Saiten nicht, trachte die Finger rund und fest auf die Saiten zu legen und nehme die Töne ganz nahe am Bunde; man halte das Instrument aufrecht, so daß die Schnecke desselben zwischen den Kopf und der linken Achsel zu stehen kommt: man lege es nie an den Leib an, verwerfe die zu starke Besaitung, und man wird sich überzeugen, daß auf der Gitarre ein verhältnismäßes Nachhallen der Töne - wie auf dem Klavier oder der Harfe - vorhanden ist."

Die Setzung des Haltebogens ist in allen Fällen unerläßlich, wo der liegende Ton über den Taktstrich hinaus zu halten ist, die gleiche Note im nächsten Takt also wieder geschrieben aber nicht anzuspielen ist. Innerhalb eines Taktes genügt es, den festgehaltenen Griff durch eine Note von entsprechend langer Wertdauer zu schreiben; hierauf wird bei Besprechung der Schreibeigentümlichkeiten Molitors zurückgegriffen werden.

e) Bindebogen.

Der eigentliche Bindebogen bezeichnet für die Gitarre eine nur Instrumenten mit gerissenen Saiten und Griffbrett eigene Technik: Ein Ton wird angeschlagen, ein zweiter oder dritter wird ohne Anschlagswiederholung durch das "Einfallen" oder "Abziehen" zum Tönen gebracht. Verwendet wird diese Bindungstechnik, wenn eine ganz lückenlose Tonfolge gespielt werden soll, oder wenn bei schneller Aufeinanderfolge von Tönen in Passagen oder Figuren die Anschlagfinger mit dem Rhythmus nicht Schritt zu halten vermögen. Im ersten Falle handelt es sich also um tatsächliche Bindung im Sinne einer Phrasierung, im zweiten um einen Behelf für die Anschlaghand.

In der Regel wird die Bindetechnik wie bei der Laute [9] auf einer Saite im auf- und absteigenden Sinne vorgenommen; aufsteigen als Einfallen, durch hammerartiges Aufsetzen eines Greiffingers, absteigend als Abziehen durch seitliches Abreißen einer Saite mit einem Greiffinger, wobei der Griff des angebundenen tieferen Tones vorbereitend gehalten sein muß.

Das Einfallen bezeichnet Molitor als "gewöhnliche Bindung" und gibt in der Erklärung der vorkommenden Spielzeichen zu op. 11 den Vermerk "/:Bogen:/ die gewöhnliche Bindung: Wenn zwey oder drey gebundene Noten auf einer Saite liegen, wovon nur immer die erste angespielt wird."

Aus der Fülle von Beispielen für das Einfallen seien zwei herausgegriffen; in dem ersten handelt es sich um die gewöhnliche Bindung zweier Noten.

[Bindung von je zwei Noten]

im zweiten um die Bindung von Skalengängen, einer spezifisch Giulianischen Manier, welche in dessen Geläufigkeitsübungen in zahlreichen Varianten wiederkehrt: [10]

[Bindung bei Skalengängen]

Zu einer gleichen Stelle macht Molitor folgende Anmerkung:

"Bei solchen Noten, die in der Ordnung der Tonleiter fortlaufen, werden nur immer die ersten von den zusammengebundenen mit der rechten Hand angespielt, indem die zwey oder drey darauffolgenden Töne durch den Schwung der Saiten von selbst nachhallen, wenn die Finger der linken Hand mit der gehörigen Kraft aufgedrückt werden."

Das letztzitierte Beispiel aus dem Rondo der ersten Serenade bietet gleichzeitig Belege für die Technik des Abziehens. Schwieriger wird diese Technik, wenn eine Stimme die Bindung verlangt, während gleichzeitig eine zweite anzuschlagen ist.

[Abziehen, aus op. 7, 1. Satz]

Diese Figur, dem 1. Satze des op. 7 entnommen, mutet nach der verlangten Spielweise ganz modern an; das e2 klingt durch das Abreißen des linken Goldfingers, das gleichzeitige c1 erhält den Daumenschlag.

Tonbindungen können auf- und abwärts gleichzeitig auch auf zwei Saiten ausgeführt werden. Diese Bindung von Doppelnoten ist wohl zu unterscheiden von doppelter Bindung, einer Legatobezeichnung bei Molitor, welche auf die Technik der Anschlaghand Bezug hat und im folgenden zu besprechen sein wird. Eine Belegstelle, die neben Einfallen und Abziehen, auf zwei Stimmen verteilt, eine weitere Legatoart, das Schleifen (glissando) enthält, findet sich in der 3. Variation des Finalsatzes von op. 15.

[Bindung auf zwei Saiten, aus op. 15, Finalsatz]

Ob eine Ligatur durch Einfallen, bezw. Abziehen oder durch Schleifen auszuführen ist, entscheidet in zweifelhaften Fällen der Fingersatz und wird überall dort, wo gebundene Noten den gleichen Greiffinger anfordern, natürlich das Glissando zur Anwendung kommen.

Eine bemerkenswerte, für die moderne Technik nicht mehr gebräuchliche Bindung von Doppelnoten mittels des kleinen Quergriffes ist dem Takt 134 des 1. Satzes von op. 7 entnommen.

[Op. 7, 1. Satz, Takt 134]

Während Molitor den Rundbogen fast ausschließlich der Bindetechnik vorbehält, in zweifelhaften Fällen die Ausführung noch durch Hinzufügung des Fingersatzes deutlicher macht oder textliche Erläuterungen vorsieht und für Bindungen über mehrere Saiten, deren Vollführung der Anschlaghand zufällt, außerdem ein neues Spielzeichen (den doppelten Rundbogen) verwendet, bringen die Zeitgenossen Molitors, etwa Matiegka und Wolf noch ausgenommen, den Rundbogen als generelles Bindezeichen in Gebrauch. [11]

Gegenüber der sonstigen Mangelhaftigkeit in der Bezeichnung der Bindetechnik sind die bestimmten Angaben Molitors für seine Zeit um so höher zu werten, als diese das Entwicklungsstadium der Gitarristik auf Wiener Boden darstellt und das Spiel der Gitarre fast ausschließlich von Dilettanten gepflegt wurde, welche ausgiebige spieltechnische Anweisungen sehr nötig hatten. Wenn sich trotzdem bei Molitor in op. 7, Allegrosatz, eine zweimal wiederkehrende (Takt 26 und 34) gleichartig geschriebene Bindeart mit Legatobogen und Sonderungszeichen auf der zweiten Note vorfindet,

[Op. , Allegrosatz]

deren Ausdeutung zweifelhaft ist, so kann als Grund nur der Mangel von Vergleichsstellen gelten, wenn nicht vielleicht eine Flüchtigkeit des Stechers vorliegt.

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die Technik der linken Hand im großen und ganzen sich als die gleiche darstellt, wie sie aus den Tabulaturen unzweideutig zu entnehmen ist, und wie sie auch für die heutigen Spielverhältnisse noch gilt. Molitor arbeitet also zwar mit vorhandenen technischen Errungenschaften, macht sie aber in klarer Ausdeutung dem Spieler zugänglich.

[weiter]


[1] Siehe die Reproduktion.

[2] Zum Unterschied von der Laute, welche den Daumen als Greiffinger ausschaltet.

[3] Siehe diese.

[4] Matiegka bezeichnet sie mit einem Stern.

[5] Die Positionen werden seit Molitor bis auf unsere Tage chromatisch, also bundweise gezählt. Eine Ausnahme macht die in der zweiten Epoche der Wiener Gitarristik geschriebene, im allgemeinen heute noch mustergültige Gitarrenschule des F. Carulli, welche die Grifflagen diatonisch bezeichnet.

[6] Matiegka, der als Lehrer der Gitarre Molitors didaktischen Bestrebungen in Wien zunächst steht, geht in der sparsamen Bezeichnung der Grifflagen allen voran: Nicht nur aus dem Fingersatze, auch aus orthographischen und spieltechnischen Schreibeigentümlichkeiten läßt er den Spieler die Positionsbezeichnung ablesen. Ein instruktives Beispiel für die Ausdeutung der Grifflage aus der später zu besprechenden Bindungs- und Sonderungsbezeichnung gibt Takt 12 der 4. Variation des op. 6

[Matiegka, op. 6, 4. Variation, Takt 12]

Bindung d3-h2, das Abziehen auf einer Saite, nämlich X-VII. Bund (7. pos.), Sonderung gis2-e2 auf h- und e1-Saite: das gis2 noch in der 7. pos. (im IX. Bunde der h-Saite), das e2 bereits als leere Saite zum bequemen Lagenwechsel, worauf die Bindung d2-h1 in der 1. Position erfolgt, was die Sonderung der Noten gis1-e1, wiederum auf zwei verschiedenen Saiten zu schlagen, beweist. Weiters läßt Matiegka den Lagenwechsel durch den Abbruch der Fingersatzbezeichnung und einer darauffolgenden Sonderung erkennen, wie in op. 6, 5. Takt der 6. Variation;

[Matiegka, op. 6, 6. Variation, Takt 5]

oder der Fingersatz zeigt außer der Position auch den Saitenwechsel für Unisone an: op. 7, 4. Variation, Takt 1-2;

[Matiegka, op. 7, 4. Variation, Takt 1-2]

oder es bietet die Saitenbezeichnung Anhaltspunkte für die Lagenbestimmung: op. 10, 9. Variation.

[Matiegka, op. 10,
9. Variation]
auf G- und H-Saite.

NB.  Der Stecher hat hier neben der Ungenauigkeit in der Akzidenzsetzung anscheinend auch a1 c2 nach g1 h1 weggelassen.

[7] Eine Erscheinung, die auch bei Matiegka und anderen sich wiederfindet, während Wolf beispielsweise in Hinsicht auf Grifflage und Quergriff sich einer knappen aber präzisen Bezeichnung (durch den bloßen Fingersatz) befleißigt.

[8] Im Nachhange zu den angeführten Bezeichnungen der Fingersatzführung sei noch einer Spieleigentümlichkeit Erwähnung getan, die sich zwar schon in den Gitarretabulaturen findet und auch heute noch oft zur Anwendung gelangt, die aber für die Beurteilung der Spieltechnik der damaligen Zeit immerhin bemerkenswert ist, nämlich der Gebrauch der leeren Saite für Akkordgriffe in der Applikatur, wobei eine höhere Note des Akkordes auf einer tieferen Saite in der Lage gegriffen, während ein tieferer Ton auf der höheren leeren Saite angespielt wird. Ein instruktives Beispiel sei hier aus Matiegka, op. 20, 4. Heft, Stück Nr. 20, angeführt.

[Matiegka, op. 20, 4. Heft, Stück Nr. 20]

[9] Durch verschiedene Stellung der Bögen über oder unter den Griffzeichen, z. B. Einfallen [a b c], Abziehen [a b c].

[10] Op. 12 kann immerhin schon unter Giulianischem Einfluß geschrieben worden sein, da seine Entstehungszeit nach 1807 anzusetzen ist. Allerdings kommen zwei ähnliche Stellen auch in op. 7 vor.

[11] Als Belege solcher allgemeinen Verwendung des Bindebogens sei eine Auslese aus dem op. 39 von Leonhard von Call gegeben, wobei auch das gänzliche Fehlen der Fingersatzbezeichnung auffallend ist:

[Bindung aud zwei Saiten]

Offensichtliches glissando, was der hinzugefügte Fingersatz verdeutlichen möge:

[Glissando]

Ausstreifung, da je drei Nachbarsaiten zum Anschlag gelangen:

[Ausstreifung]

Einfallen und Abziehen in einer Figur:

[Einfallen und Abziehen]

Zwei- und dreimaliges Abziehen auf je einem Anschlag:

[Mehrmaliges Abziehen]

Trillerartige Abrißkette:

[Triller]

Mögliche, indes nicht wahrscheinliche Ausdeutung als technischer Bindebogen:

[Technischer Bindebogen]

Trotz nachfolgender Sonderungsbezeichnung nicht als technischer Bindebogen anzusprechen:

[Legato]

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