Giuliani, der als Mensch und Künstler interessante erste Vertreter des Gitarrevirtuosentums in Wien, war nach übereinstimmenden [1] Angaben 1780 zu Bologna geboren, machte sich zuerst in Italien durch seine Leistungen berühmt, "die sowohl bezüglich der Ausführung als der Komposition alles weit übertrafen, was man bisher auf der Gitarre gehört". Im Herbste 1807 [2] kam er nach Wien, wo er als geschmackvoller Sänger und vollendeter Künstler auf seinem Instrumente die Aufmerksamkeit der musikalischen Kreise [3] auf sich zog und lohnenden Erwerb fand. Zu seinen Schülern zählten Bobrowitz, Horetzky, der Herzog von Sermonetta, Graf Georg von Waldstein und Fr. Mendl. Giuliani pflegte mit Diabelli freundschaftlichen Verkehr, verband sich zum Zwecke gemeinsamer Konzerte mit Mayseder und Hummel, später auch mit Spohr, Seidler und Moscheles. [4] Die gesellschaftlich vornehmsten Veranstaltungen, "die Verkörperung flachen Virtuosengeistes", waren ein Zyklus von sechs Subskriptionskonzerten "am Haarmarkt" ("Dukatenkonzerte" mit Mayseder und Hummel 1815), und die drei Abonnement-Konzerte im "landständischen Saale" (mit Mayseder und Moscheles 1818).
Mit dem Jahre 1819 verschwindet der Name Giulianis [5] vollständig aus den musikalischen Berichten; es scheint, daß er im Folgejahre in seine Heimat zurückkehrte und dort starb; in italienischen Berichten ist er nach 1820 nicht mehr erwähnt. [6]
Giuiani schrieb eine große Anzahl von Kompositionen (die Angaben schwanken zwischen 180 und 300) für Gitarre allein, in Verbindung mit anderen Instrumenten, sowie auch mit vollem Orchester, Arrangements (unter anderen Hummels op. 62, 63, 66 u. 74), sowie eine Anzahl noch heute mustergültiger, durch Neudruck erhaltener Werke didaktischen Inhaltes.
Giulianis künstlerische Behandlung des Instrumentes kommt in seinen Kompositionen zur Geltung in der "weitgriffigen" Spielweise, welche an das technische Können bedeutende Anforderungen stellt und zur Voraussetzung die für die Gitarre bis auf Giulianis Zeit wenig geübte Stimmführung in zerstreuter und weiter harmonischer Lage hat. Auch die spezifisch italienische Manier, welche im raschen Abklingen der Töne der Gitarre ein mandolinistisches Kolorit verleiht, prägt sich in seinen Arbeiten mit Vorliebe aus.
[1] Bis auf Mendel, der fälschlich 1796 als Geburtsjahr angibt.
[2] Die erste Notiz über Giuliani in der Leipz. allg. mus. Zgt. ist vom Wiener Korrespondenten mit 4./XI. 1807 datiert.
[3] Aus den zahllosen enthusiastischen Berichten über Giuliani sei hier die treffende, objektiv gehaltene Skizzierung Hanslicks (mit den kleinen historischen Unrichtigkeiten) auszugsweise wiedergegeben: "Die Guitarre erhielt zum ersten Mal als Konzertinstrument einen ungewöhnlichen Glanz durch Mauro Giuliani, den vorzüglichsten Komponisten und Virtuosen auf diesem beschränkten Instrument. Giuliani kam im Oktober 1807 nach Wien, wo er sich fixierte. Er gab fast jährlich ein oder mehrere Konzerte (in den ersten Jahren sogar viele); wir finden ihn zum letzten Mal unter den Konzertgebern im Jahre 1818, worauf er sich nach Rom und später für mehrere Jahre nach Petersburg begab. Giuliani entwickelte eine ungeahnte Virtuosität, namentlich im mehrstimmigen, weitgriffigen Spiel auf der Guitarre, für welche er eine große Zahl von Kompositionen... schrieb. In Wien... gehörte er zu den erfolgreichsten Konzertgebern, er war der Held der eleganten Musiksalons, und erntete mehr Ruhm und Gold, als irgend ein Guitarrespieler vor oder nach ihm... G.'s glänzendste Produktionen dürften die... "Dukaten-Konzerte" gewesen sein, welche er im Jahre 1818 mit Mayseder und Moscheles veranstaltete. Die beliebteste Nummer "La sentinella" hatte schon J. Fr. Reichardt im Jahre 1808 von Giuliani gehört..."
[4] Hierüber die Referate in der Leipz. allg. mus. Ztg.: Nr. 12, Jahr 1808; Nr. 27, J. 1809; Nr. 55 u. 63, J. 1810; Nr. 25, J. 1811; Nr. 5, J. 1812; Nr. 3 u. 25, J. 1813; Nr. 3 u. 7, J. 1815; Nr. 25, 40, 49 u. 52, J. 1817; Nr. 21 u. 25, J. 1818 und Nr. 25, J. 1819; ferner in der Wiener allg. mus. Ztg.: I. Jahrg.: pag. 303, 304; II. Jahrg.: pag. 103, 130, 149, 155, 166, 173, 183, 200, 364; III. Jahrg.: pag. 265, 274, 351, 352.
[5] Die letzte Notiz über Giuliani stammt vom 25. Juni 1819 und betrifft eine mus. Privatunterhaltung, welche Moscheles mit der Sängerin Wranitzky, dem Geiger Mayseder und dem Gitarristen G. gab.
[6] Die in englischen Zeitschriften enthaltenen Nachrichten, daß Giuliani 1821 in Rom gewirkt habe, später mit Hummel in Petersburg zusammengetroffen sei, 1833 in London mit dem spanischen Gitarrevirtuosen F. Sor rivalisiert und drei Jahre später ebenda mit Moscheles und Mayseder (M. hat, nebenbei bemerkt, keine Konzertreisen unternommen) konzertiert habe, sind mit Vorsicht aufzunehmen, da eine Verwechslung mit dem gleichnamigen Sohn Giulianis nicht ausgeschlossen erscheint. - Neuerdings wurden Handschriften Giulianis, aus den zwanziger Jahren stammend, aufgefunden.