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I. Einleitung

Die vorliegende Arbeit verfolgt den Zweck, die Beziehungen Simon Molitors zur Wiener Gitarristik zu untersuchen und über seine Bestrebungen, welche auf die Hebung der Gitarremusik aus ihren Anfängen auf eine höhere Stufe, etwa das Niveau der Klaviermusik, abzielten, zu urteilen. Es wäre daher zunächst der Frage näherzutreten, zu welcher Zeit und unter welchen Einflüssen die Gitarre in Wien Eingang gefunden hat. [1]

Die kunstsinnige Großherzogin Anna Amalia von Weimar hatte 1788 von einer Reise aus Italien das dort unter dem Namen spanische Gitarre gangbare Instrument an ihren Fürstenhof verpflanzt, wo in der Folgezeit das Gitarrespiel eifrige Pflege fand. [2] Das Beispiel der höfischen Gesellschaft fand in den bürgerlichen Kreisen Nachahmung und bald wurde die Gitarre allenthalben volkstümlich. Das Jahr 1788 gilt deshalb als Stichjahr für die Einführung des Gitarrespieles in Deutschland. Doch abgesehen davon, daß die Annahme sehr bedenklich ist, ein Instrument, das sich in Südeuropa so großer Beliebtheit und Verbreitung erfreute, wäre in Deutschland jahrhundertelang unbekannt geblieben, ist das Gegenteil historisch einwandfrei erwiesen. [3] Daß die Wende des 18. Jahrhunderts mit seinen sentimentalen Einschlägen, die sich auch in den literarischen Denkmälern spiegeln, der Verbreitung der Gitarre mit ihrem sanften, romantischen Klange besonders günstig war, steht außer Zweifel; daß aber diese Rezeption so plötzlich und nachhaltig erfolgte, dafür sind wohl tiefere Ursachen maßgebend.

Der Verfall der Lautenmusik, [4] deren Pflege die Kenntnis der Grifftabulaturen voraussetzte, und somit im allgemeinen gebildeten Ständen leichter zugänglich war, ist in Deutschland am spätesten zu beobachten; in chronologischer Folge waren Spanien, Italien und Frankreich vorangegangen. Die Gitarre übernimmt die musikalische und historische Bestimmung der Laute, und dadurch, daß mit dieser auch die Griffzeichenschrift fällt, an deren Stelle die dem minder Gebildeten eher geläufige Mensural-Notenschrift tritt, war der Gitarre die Volkstümlichkeit [5] gewährleistet. Das Erlöschen der Lauten- und das Erstehen der Gitarremusik vereinigt sich in dem Namen des kurfürstlichen Hoflautenisten zu Mainz, Chr. Gottlieb Scheidler, gest. um 1815, welcher der erste deutsche Gitarremeister wurde. Den Beginn des volkstümlichen Gitarrespieles mit dieser Persönlichkeit zu verknüpfen, entspräche wohl mehr dem musikalischen Empfinden und der historischen Wahrheit. Dem Weimarer Hofe mag sein Verdienst unbenommen bleiben. Immerhin sind Zweifel an der Objektivität der früher genannten Quelle schon mit Rücksicht auf die Beziehung des Autors zum Weimarer Fürstenhofe, um nicht zu sagen Abhängigkeit von diesem begründet. Wahrscheinlicher ist, daß die gitarristische Musikübung gleichzeitig in verschiedenen Gegenden Deutschlands einsetzte.

Ähnlich liegen die Verhältnisse für Wien, das Musikzentrum Österreichs; [6] auch hier ist die Gitarre lange vor 1788 festzustellen. Der Nachlaß des Wiener Lautenisten Andreas Bohr von Bohrenfels (1662-1728) weist nicht weniger als vier Gitarren auf. [7] Graf Johann Anton Losy von Losimtal (c. 1645-1721) [8] schrieb eine Anzahl von Gitarrestücken in neufranzösischer Tabulatur [9] und Burney [10] berichtet über einen Portugiesen, namens Antonio Costa (1714-c. 1790), der sich in Wien vor 1772 niedergelassen hatte und in musikliebenden aristokratischen Kreisen Gitarre spielte. Schon daraus erhellt, daß die Gitarre verschiedentlich aus dem Auslande übernommen wurde, und daß die Pflegestätten der Gitarre hauptsächlich in der vornehmen Gesellschaft zu suchen sind. Der große Aufschwung und die schnelle Ausbreitung der Gitarristik in Wien vor 1800 hängt auch hier mit dem Zusammenbruch der Lautenmusik und mit der Verwendung der modernen Notationsweise für die Gitarre zusammen.

Die verbreitete Annahme, welche die allgemeine Einbürgerung der Gitarre auch in Wien mit dem Weimarer Hofe in Beziehung bringt, kann nicht aufrecht erhalten werden; auch darüber hätte eine Spezialuntersuchung Klärung zu schaffen. Es sei jedoch hier auf Frankreich und Italien als direkte Vermittler der Gitarristik hingewiesen: Frankreich, wo vor der Zeit des Direktoriums eine starke Nachblüte der Gitarre eingesetzt hatte, stand wie auch Italien mit Wien in reger Verbindung. Die "gebrochene Spielmanier" der Wiener Gitarristik vor 1800 zeigt den starken französischen Einschlag, das Instrument selbst ist einchörig und als französische Gitarre ausdrücklich bezeichnet; [11] italienische Einflüsse hinwiederum nahm beispielsweise Molitor auf seinen italienischen Reisen in sich auf und vermittelte sie, wie vielleicht vor ihm schon andere, dem Wiener Boden. Daß die Gitarre vor 1790 in Wien im Schwange war, ist aus einer Stelle der handschriftlichen Biographie des A. Wolf [12] zu entmehmen; dieser erlernte 1790 das Gitarrespiel, welches "damals als Kunst noch ganz in der Wiege lag". Das Nachrichtenmaterial aus periodischen Mitteilungen versagt hier völlig; auch die ersten Jahrgänge der Leipz. allg. mus. Zeitung schenken der Gitarremusik noch keinerlei Beachtung, zu einer Zeit also, da Molitors reformatorische Tätigkeit längst begonnen hatte. Soviel erscheint indes sicher, daß mindestens ein Jahrzehnt vor 1800 das Gitarrespiel in Wien Wurzel gefaßt hatte.

Welche musikalisch bescheidene Rolle um 1800 der Wiener Gitarristik zugedacht war, und welchen Schwierigkeiten das Bestreben der ersten gitarristischen Epoche [13] begegnete, das Instrument der galanten oder stimmungsvollen Tändelei einer künstlerischen Behandlung zuzuführen, kann aus der schon erwähnten Auslassung im musikalischen Taschenbuche des Jahres 1804 entnommen werden. Darin heißt es unter anderem:

"Aber als eine große Verkehrtheit ist es zu tadeln, wenn mancher Leiermann oder Schergeiger das Instrument, welches bestimmt ist, den Gesang der Stimme mit lieblichen anmuthigen Tönen harmonisch zu begleiten, mißbraucht und mit einer lächerlichen Anstrengung, Kraft und Fertigkeit Melodie, wie Tänze, Sonaten oder Konzerts und dergleichen daraus hervorreißen will."

Wäre diese Stelle rund 25 Jahre später geschrieben, als die gediegene Spielweise der Gitarre bereits in unnatürliches Effekthaschen und Überkünsteln ausgeartet war und hiedurch den Keim des Verfalles in sich trug, so wäre die abfällige Meinung gerechtfertigt; um 1804 aber hatte nach bisheriger Kenntnis A. Wolf als erster und einziger in Wien den Konzertboden mit der Gitarre betreten, und seine treffliche Leistung wurde musikalisch und instrumental nach Gebühr anerkannt. Wohl aber fehlte es dieser Zeit an Komponisten, die das Instrument beherrschten und aus diesem Grunde brauchbares dafür schrieben.

"Mir wenigstens", klagt Molitor in der Vorrede zu seinem op. 7, "ist noch kein Kompositeur für dieses Instrument bekannt, der einen ausführlichen Versuch geliefert hätte, auf demselben die Harmonie in Grundton und Mittelstimmen im gehörigen Zusammenhang und Verhältnis so durchzuführen, wie man es doch sonst von allen Instrumenten fodert, deren ganzes Wesen vorzüglich in der Harmonie besteht." [14]

Das Bedürfnis der Wiener Gitarristik, auch heimische Musik zu reproduzieren, wurde immer dringlicher und zeitigte bei dem Mangel an bodenständigen Gitarrekomponisten auch manche Absonderlichkeit: Kurze Spielanweisungen suchten Musiker mit den nötigsten Instrumentalkenntnissen vertraut zu machen, um sie zu kompositorischem Schaffen für die Gitarre anzuregen. Die Folge war denn auch bald eine Hochflut von gitarristischen Erzeugnissen, die zum großen Teile für den seichtesten Dilettantismus bestimmt, entsprechend zu werten sind. Die spekulativen Produkte fanden trotz aller Geschmacklosigkeiten, welche der Gitarre zugemutet wurden, guten Absatz. Das Bestreben einsichtiger Gitarristen, in dieser Hinsicht reinigend und läuternd zu wirken, das Instrument guter Musik und zweckentsprechender Behandlung zuzuführen, kann demnach als logische Folge des Überdilettantismus bezeichnet werden; und diese Aufgabe zu lösen unternahm eine Anzahl Männer, die als Musiker und Instrumentalisten kurz nach 1800 hierzu berufen schienen, unter ihnen als markanteste Persönlichkeit Simon Molitor.

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[1] Bekanntlich weist der Ursprung der Gitarreinstrumente auf den Orient hin; als Stammform gilt das dreisaitige persische sitâr, welches später auch bei den Arabern und Indern festzustellen ist und in nachhomerischer Zeit dem Hauptinstrumente der Griechen den Namen gegeben hat. Die Berührung der morgenländischen mit der abendländischen Kultur seit der Besitzergreifung Spaniens durch die Mauren und weiterhin durch die Kreuzzüge vermittelte dem Süden Europas die Kenntnis der Gitarre, und ihre Aufnahme in die nationale Musikübung der Spanier sicherte die Weiterverbreitung nach den mittel- und nordeuropäischen Ländern. Während der gleichfalls aus dem Oriente stammende Lautentypus bald und vorzugsweise in den vornehmen Gesellschaftsschichten der Nachbarländer Eingang fand, blieb die Gitarre längere Zeit als Volksinstrument auf Spanien beschränkt, mag aber immerhin frühzeitig in dem unmittelbar benachbarten Frankreich bekannt worden sein (nach glaubwürdigen Angaben schon im 14. Jahrhundert). Nach Italien gelangte die vervollkommnete spanische Gitarre wohl erst im 16. Jahrhunderte; in der Folgezeit ist Italien der klassische Boden der Gitarristik. Daß in Deutschland die Gitarre vor der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts unbekannt war, wie vielfach angenommen wird, widerlegen die drei Hauptquellen für deutsche Instrumentalmusik: Virdung, Agricola und Prätorius, welche Gitarreinstrumente erwähnen. Volkstümlich wurde die Gitarremusik allerdings erst in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts. (Einschlägige Literatur siehe Anhang, Quellennachweis.)

[2] Vgl. "Über den Bau der Bogeninstrumente und über die Arbeiten der vorzüglichsten Instrumentenmacher" von J. August Otto, weimarischer Hofinstrumentenmacher, 1828.

[3] Hierüber W. Tappert, "Zur Geschichte der Gitarre" in Eitner, Monatshefte f. M.-G. XIV./5., E. Schmitz, "Guitarrentabulaturen" am gleichen Orte, XXXV./9. und A. Koczirz, "Bemerkungen zur Gitarristik" in Zeitschrift der I. M. G. VII./9.

[4] Als Hauptursachen des Verfalles wären zu bezeichnen: Die große Saitenanzahl (bis zu 24), welche das reine Einstimmen schwierig machte, die Notierungsweise (Tabulatur), welche den Uneingeweihten vom musikalischen Schaffen für Laute ausschloß und die Vervollkommnung des Klaviers, das die harmonisch weniger verwendbare Laute verdrängen mußte.

[5] In den breiteren Volksschichten Spaniens und Italiens fußte die Gitarre mit ihrer primitiven Rasgadospielmanier auf der Akkordgriffnotation, dem Alfabeto oder Abecedario, welches der Griffzeichennotation entbehren konnte, da die tabulierten Schlüssel der Lehrer vermittelte, der Schüler nur die Griffe der Grundharmonien mit ihren zugehörigen Buchstabenzeichen auswendig zu behalten brauchte.

[6] Sachliches Material hierzu in A. Koczirz "Zur Geschichte der Gitarre in Wien", Musikbuch aus Österreich 1907.

[7] Vgl. A. Koczirz "Österreichische Lautenmusik zwischen 1650 und 1720" im Beihefte der D. d. T. i. Ö. Bd. V, Seite 74.

[8] An gleicher Stelle: Beiheft, Seite 81.

[9] "Beiträge zur Geschichte der Gitarre und des Gitarrespieles", herausgegeben von A. Koczirz und J. Zuth, Heft 1, Wien, bei A. Goll, 1919.

[10] "Tagebuch einer musikalischen Reise", II. Band.

[11] Im Taschenbuche für Freunde der Musik, von Jul. Adolph Werden und Wilhelm Schneider, Jahr 1804, ist in einem schwärmerischen Artikel über Gitarre folgende Bemerkung zu finden: "Von den Deutschen ist die Cither oder Sister und die Laute schon lange gekannt und gespielt worden. Die spanische Gitarre ist durch Frankreich erst spät zu uns gekommen."

[12] Siehe Anhang; der Biograph Wolfs, W. Klingenbrunner ist einer der ältesten bekannten Gitarristen der ersten Wiener Epoche und als solcher wohl glaubwürdig.

[13] Als erste Wiener gitarristische Epoche bezeichnet man die Vorbereitungszeit bis 1807, als zweite kann die Zeit des virtuosen Gitarrespieles unter Giuliani und Legnani bis circa 1823 gelten, die dritte Periode, die Verfallszeit, reicht bis ungefähr 1860.

[14] Eine spätere Stelle am gleichen Orte nennt einige Wiener Gitarremeister, die sich "einer besseren Schreibart befleißigen". Von Wolf nimmt Molitor (wohl geflissentlich) keine Notiz.


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