Molitors kompositorisches Schaffen fällt hauptsächlich in seine früheren Jahre; von diesen wieder kann die Zeit nach 1804 als die fruchtbarste bezeichnet werden. In den Friedensjahren bis zu seiner 1831 erfolgten Pensionierung lebte er, wie Sonnleithner mitteilt, ausschließlich seinen Berufsgeschäften, die 17 Jahre seines Ruhestandes widmete er musikalisch-geschichtlichen Forschungen, von deren Fleiß und Müheaufwand die in der Hofbibliothek verwahrten umfangreichen Kompendien ein beredtes Zeugnis ablegen.
Die erhaltenen Kompositionen Molitors umfassen 1. Orchestermusik: eine Ouverture und an sechzig Tanzmusikstücke; 2. Konzerte: fünf für Violine, eines für Klarinette; 3. Streichquartette: sechs; beim zweiten vertritt die Klarinette die erste Violine; 4. Klaviermusik in Verbindung mit Streich- und Blasinstrumenten; 5. Gesangstücke: Lieder mit Klavierbegleitung, Männerchöre mit und ohne Begleitung, eine Arie zum Lustspiele "Der verliebte Verführer" und endlich 6. Gitarremusik. [1] Auf diese sei hier im besonderen eingegangen.
Der Beginn Molitors gitarristischer Betätigung ist spätestens mit 1799 anzusetzen, da er mit R. Klinger (recte Wilhelm Klingenbrunner) eine Gitarreschule schrieb, welche "wesentlich beitrug, diesem bald nachher zu großer Beliebtheit gelangten Instrumente Bahn zu brechen". (Sonnleithner.)
Sie ist betitelt:
"Versuch einer vollständigen methodischen Anleitung zum Guitarrespielen, nebst einem Anhange, welcher das Nothwendigste von der Harmonielehre nach einem vereinfachten Systeme darstellt. Von S. Molitor und R. Klinger, Wien in der chemischen Druckerei."
Nach Sonnleithners Aufzeichnungen ist ein Exemplar der Schule in Verwahrung der Gesellschaft der Musikfreunde. Trotz eingehender Nachforschungen war das Lehrwerk nicht aufzufinden, auch ist es dort nicht katalogisiert. Nach Mitteilung des Herrn Dr. Adolf Koczirz besaß auch der 1910 verstorbene Wiener Gitarrist Jos. Krempl ein Exemplar; trotz aller Bemühung war dasselbe nicht erhältlich. Anderweitige Exemplare im Privat- oder Bibliothekbesitz konnten nicht ausgeforscht werden.
Die ersten zyklischen Werke Molitors für die Gitarre sind in Verbindung mit Streichinstrumenten geschrieben:
Op. 3: "Grande Sonate / pour / Guitarre / et Violon / concertants / composée et dediée / a / Mr. R. G. Kiesewetter / Secretaire aulique de Guerre / au Service de Sa Majesté Imp. Roy. / par S. Molitor / A Vienne / au magasin de l'imprimerie chymique Imp. Roy. priv. / Verlg. Nr. 127." [2]
In Verwahrung der Bibliothek der Musikfreunde, Wien. Katal. Nr. 5229/E. Das Erscheinungsjahr ist weder auf diesem Werke noch auf den übrigen Gitarre-Kompositionen ersichtlich gemacht. [3] Die als op. 1 bezeichneten "Douze Menuets" [4] wurden im großen Redoutensaale 1804 gespielt, die große Sonate für Gitarre allein, op. 7, ist im Herbste 1806 geschrieben; es wäre somit die Entstehungszeit des op. 3 zwischen 1804 und 1806 anzusetzen. Die Zeitbestimmung für die Werke op. 3 - op. 5 ist auch aus einer Bemerkung Molitors aus der Vorrede zu op. 7 abzuleiten: "Ich habe seit anderthalb Jahren einige aus diesem Gesichtspunkte bearbeitete Sonaten herausgegeben, in welchen jedoch die Guitarre nur noch als begleitendes und konzertierendes Instrument erscheint." Op. 3, Molitors erstes zyklisches Werk für die Gitarre, wäre hiernach Anfang 1805 geschrieben worden.
Op. 5: "Sonate / pour / Guitarre et Violon / concertants / composée et dediée / à / Madame Caroline de Polzer / née de Freywillig / par S. Molitor / A Vienne chez Artaria et Comp. / (Verlg. Nr. 1824)."
Bibliothek der Gesellschaft der Musikfreunde, Katal. Nr. 9294/E. Die Entstehungszeit ist nach oben zitierter Bemerkung Molitors mit 1805 gegeben, für die Widmung waren, wie auch bei op. 3, Standesinteressen maßgebend. Frau Karoline von Polzer war die Gemahlin des Verpflegsoffiziers Joseph von Polzer, nachmaligen Verpflegsverwalters, dem Molitor das große Rondo op. 10 zueignete.
Op. 6: "Trio pour Violon ou Flûte, Alto et Guitarre concertants, chez Thadé Weigl à Vienne."
Sonnleithner nennt dieses Werk nicht; auch das zweite Trio ohne Opuszahl: "Trio concertant pour Flûte, Alto et Guitare, arrangé plutôt refait d'aprés un Quatuor de Devienne, chez Traeg à Vienne", ist Sonnleithner nicht bekannt. Molitor führt diese beiden Trios in einer Fußnote zu der unter op. 3 wiedergegebenen Bemerkung an; die Entstehungszeit beider Werke ist mit 1805 oder 1806 anzusetzen. Auf ihre Durcharbeitung mußte verzichtet werden, wiewohl ihre Aufbewahrung ausgeforscht werden konnte; ein Exemplar besitzt nämlich der Hamburger Gitarrist Georg Meier, doch war jenes nicht erhältlich.
"Recueil / de petites Pieces favorites / de differents Auteurs / et un Rondeau original / pour la Guitarre seule / d'une Difficulté progressive / publié par / S. Molitor. / A Vienne / au Magasin de l'Imprimerie chymique Imp. Roy. priv. rue Paternoster / (Verlg. Nr. 585)."
In 4 Heften, ohne Opuszahl; aufbewahrt in der Bibliothek der Musikfreunde, Wien unter Nr. 5252/E. Kleine Arrangements und Originalkompositionen für die Sologitarre mit ersichtlich didaktischem Zwecke noch vor dem op. 7, wahrscheinlich 1806 geschrieben.
Op. 7: "Große Sonate / für die / Guitare / allein, / als Probe einer besseren Behandlung dieses Instruments, / mit beigefügten Anmerkungen für den Spielenden. / Gesetzt und / Herrn Fr. Tandler / gewidmet von / S. Molitor. / Mit einer Vorrede des Verfassers, enthaltend eine historische Darstellung / der Hauptperioden der Cyther und ihrer Abstämmlinge von den ältesten / bis auf unsere Zeiten, nebst Gedanken über die Guitarre und deren Behandlung. / Wien bey Artaria und Comp. / (Verlg. Nr. 1856)."
Das für die vorliegende Arbeit benützte Exemplar wurde aus der Hof- und Staatsbibliothek, München (Katal. Nr.: Mus. Pr. 2282) entlehnt. Sonnleithner verzeichnet zwar das 7. Werk, im Archiv der Musikfreunde ist es jedoch nicht vorfindig. Seine Entstehungszeit fällt in den Herbst des Jahres 1806. In einer umfangreichen Vorrede versucht Molitor, die Entwicklung der Saiteninstrumente (mit gerissenen Saiten) von ihren Anfängen darzustellen, die Vorzüge der Gitarre gegenüber der Laute hervorzuheben und seine für die Wiener Gitarristik neuartige Schreibweise zu rechtfertigen. Die Spielanweisungen, welche der Sonate beigefügt sind, ergeben mit den in einem Anhange zusammengefaßten didaktischen Winken über Gitarrespiel ein kleines Lehrwerk für sich. Dem Ganzen ist ein Portrait Molitors im Kupferstich, gemalt von Maurus, gestochen von John, vorgeheftet mit der Widmung: "S. Molitor; desselben 7 ten Werk beigefügt von seinem Freund Fr. Tandler".
Ein op. 9, [5] von Sonnleithner nicht erwähnt, findet sich unter Ankündigungen des Verlages S. A. Steiner und Comp., im Anhange der Bathioli-Gitarreschule [6] verzeichnet mit dem Titel: "Var. sur un théme orig., op. 9".
Op. 10: "Rondeau / avec un Adagio / pour la / Guitare seule / Composée et dediée / a Mr. Joseph le noble de Polzer / Intendant des vivres militaires, / au service de sa Majesté Impériale et / Royale apostolique / par / S. Molitor. ./ à Vienne / chez Thadé Weigl Auteur et Editeur de Musique, sur le Graben / No. 1212. (Verlg. Nr. 989.)"
Ges. der Musikfreunde, Wien Katal. Nr. 9338/E. Die Entstehungszeit dieses Opus und der folgenden Gitarrewerke kann kurz nach 1806 angesetzt werden. Im Herbste 1807 trat Giuliani auf den Plan und stellte die bodenständige gitarristische Betätigung völlig in den Schatten, woraus auch Molitor seine Folgerung gezogen zu haben scheint.
Op. 11: "Sonate / pour la / Guitare seule / composée pour Mlle. d'Engelhardt / par / S. .Molitor. / à Vienne / chez Thadé Weigl Auteur et Editeur de Musique sur le / Graben No. 1212. / (Verlg. Nr. 1019.)"
Ein Exemplar besitzt die Bibliothek der Musikfreunde; (Katal. Nr. 9175/E.) Betreffs der Zeitbestimmung kann das unter op. 10 Gesagte gelten. Der Wortlaut der Widmung und die lehrhafte Voransetzung neuangenommener Spielbezeichnungen lassen den Schluß zu, daß es sich um die Dedikation an eine Schülerin handelt. Über die Persönlichkeit selbst ließ sich nichts bestimmtes eruieren. [7]
Op. 12: "Sonate / pour la / Guitarre seule / composée / par / S. Molitor" und
Op. 15: "Sonate / pour la / Guitarre seule / Composée / par / S. Molitor".
Beide Sonaten mit völlig gleichlautendem Titel sind nur handschriftlich erhalten und werden unter den Signaturen 9220/E (op. 12) und 2452/E (op. 15) vom Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien verwahrt; sie sind auf starkem Notenpapiere säuberlich und gut lesbar niedergeschrieben, in je einen blaumarmorierten Papierumschlag geklebt und eingeheftet. Die Schriftzüge [8] beider Kompositionen rühren von der gleichen Hand, zweifellos von Molitor selbst her; denn die Namenschreibung auf den Titelblättern der Sonaten weist den gleichen Zug auf wie jene, welche auf den in der Hofbibliothek erliegenden historischen Skripten Molitors vorfindlich ist. Aus der Art der Korrekturen ist zu schließen, daß es sich um Konzepte handelt; Richtigstellungen sind nämlich im allgemeinen nicht über die gestrichenen Takte, sondern nach diesen fortlaufend, im Flusse geschrieben. Spätere mit Bleistift vorgenommene Änderungen lassen auf eine Nachrevision schließen. Über die Zahl "12" des früheren Werkes ist mit Rotstift "11" geschrieben, [9] am Schlusse der Komposition finden sich kleine Themenskizzen. Das 15. Werk hat augenscheinlich ebenfalls nachträgliche Abänderungen erfahren; eine Seite ist teilweise mit der endgültig geschriebenen Fassung überklebt. Vermutlich fällt die Entstehungszeit dieser beiden letzten zyklischen Gitarrekompositionen schon in den Beginn der Giulianiepoche.
Von kleineren Kompositionen waren noch erreichbar:
"Marche funébre / à la mort de l'excéllent joueur de Guitarre / Mr. François Tandler / pour une Guitarre seule / composées / par / son ami / S. Molitor. / à Vienne / chez Thadé Weigl etc. (Verlg. Nr. 939.)"
In der Bibliothek der Musikfreunde, Wien unter Nr. 2464/E eingereiht. Die Umfrage bei den Wiener Pfarrämtern nach dem Todesjahr Tandlers zeitigte kein Ergebnis; doch bieten die vom Verlage Th. Weigl den Titelblättern der Werke aufgedruckten Ordnungsnummern die Vorausssetzung zu einem sichern Schluß. Der Marche funébre trägt die Verlagsnummer 939, das bald nach 1807 anzusetzende op. 10 hat die Nummer 989, fällt also zeitlich vor das op. 10. Op. 7, 1806 geschrieben, ist dem "Freunde Fr. Tandler" gewidmet, woraus sich das Ableben Tandlers zwischen 1806-1808 ergäbe.
"6 Ländler / für / Gitarre allein / von / S. Molitor. / Nr. 7. / Wien bey Sauer. (Nr. 116.)"
Vermutlich eine der frühesten Gitarrekompositionen ohne Opuszahl unter Katal. Nr. 2528/E im Besitze der Musikfreunde, Wien.
Der neuzeitigen Gitarreliteratur ist kaum noch der Name Molitor bekannt; seine Werke sind ganz verschollen. Daß trotzdem für die vorliegende Arbeit nahezu alle Gitarrekompositionen zustande gebracht werden konnten, ist nur dem Umstande zu danken, daß Sonnleithner seinerzeit den gesamten musikalischen Nachlaß Molitors erwarb, der Gesellschaft der Musikfreunde zum Geschenk machte und ihn hiedurch vor gänzlichem Vergessen bewahrte.
[weiter]
[1] Das Material zu den unter 1.-5. genannten Musikwerken befindet sich zum größten Teil in der Bibliothek der Gesellschaft der Musikfreunde, der geringere Teil ist in der Hofbibliothek verwahrt.
[2] Die Titel sind nach den Originalen mit der diesen eigenen Orthographie wiedergegeben. Für die Neuausgaben (Wien 1919 bei A. Goll) sind deutsche Titelaufschriften angenommen worden.
[3] Schon in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts war die Gepflogenheit allgemein, den Werken die Jahreszahl des Erscheinens nicht aufzudrucken; die Gründe hierfür waren verlagsspekulativer Art.
[4] Op. 2 sind Walzerkompositionen für das Klavier, op. 4 Polonaisen für Klavier und Violine.
[5] Die Opusbezeichnungen Molitors sind unvollständig. Eine Anzahl von Kompositionen ist von der Signierung ausgeschlossen, andere Arbeiten, so die beiden letzten Gitarresonaten op. 12 und op. 15, sowie zahlreiche Lieder gelangten überhaupt nicht an die Öffentlichkeit. Das Schaffen Molitors, der in guten materiellen Verhältnissen lebte, entsprang seinem Lehrbedürfnisse und Arbeitsdrange; den Publikationszweck scheint er jenen untergeordnet zu haben.
[6] Siehe Anhang unter Bathioli.
[7] Molitor gedenkt in seiner Vorrede zu op. 7 "eines jungen Frauenzimmers", welches unter seiner Anleitung auf der Gitarre in einem Zeitraume von anderthalb Jahren es zu einer bedeutenden Fertigkeit gebracht habe. Daß Molitor Gitarreunterricht erteilte, ist bei den günstigen Vermögensverhältnissen, in denen er lebte, schwerlich anzunehmen, ist auch sonst aus keiner Notiz abzuleiten. Es scheint sich hier um einen Ausnahmefall zu handeln, der vielleicht zur Widmung des op. 11 in Beziehung gebracht werden könnte.
[8] Vergl. die Reproduktionen im Anhange.
[9] Was Sonnleithner anscheinend irreführte; er bezeichnet op. 11 (Sonate in C) als op. 10, das 10. Werk (Rondeau in a) stellt er, was die Signierung anlangt, als fraglich hin.